Es muss morgens 4:30 Uhr gewesen sein, als an jenem 9.November 2009 mein Wecker klingelte. Dieser Morgen war anders als all die anderen davor. Nicht nur, dass ich um diese Uhrzeit eigentlich eher nach Hause komme anstatt aufzuwachen. Auch schien die Situation etwas speziell. Ein vollbepackter Rucksack, ein leergeräumtes Zimmer und dieser mysteriöse Umschlag mit Flugtickets und notierten Abflugzeiten deuteten deutlich darauf hin, dass ich die Heimat wohl für eine ziemlich lange Zeit verlassen werde.
So ging es damals zum Stuttgarter Flughafen. Ohne rechten Plan was die nächsten Monate bringen werden, aber dafür mit nem ordentlich flauen Magen sollte ich mich von meinen Eltern verabschieden, durch die Sicherheitsschleuse treten um anschließend im Flieger Richtung San Francisco zu sitzen.
Was folgte war ein Kulturschock in den Staaten, paradiesische Zustände auf Fiji und einer Umsegelung Neuseelands, die tiefe Eindrücke hinterlassen sollte.
Das alles begann vor genau einem Jahr.
Heute ist es also genau auf den Tag her, dass ich auszog um die Welt zu retten und bisher noch nicht zurück kam. Eigentlich kann ich mir gerade gar nicht vorstellen, dass ein Jahr, also 365 Tage, schon wieder vorbei sind. So schnell? Das kann doch irgendwo gar nicht sein. Aber ein Blick in meine Reisenotizen, die ich täglich mache bestätigen, die Tatsache, dass ich bereits so lange Deutschland, die Heimat, Freunde und Familie nicht mehr gesehen habe.
Schlimm? Nein. Bedauerlich vielliecht, aber schlimm auf keinen Fall. Schließlich habe ich mir es selber so rausgesucht und vielleicht insgeheim auch schon immer so gewollt.
Für die meisten Menschen ist ein Jahr Auszeit genau das was es beschreibt. Ein Jahr mal Raus aus dem Alltag und den Spielregeln. Danach gehts aber wieder Brav zurück an den Platz im System, da wo ein Rädchen eben hingehört.
Ich habe die Regeln meiner Auszeit gebrochen und beschlossen, die Auszeit einfach zur Regel zu machen. Warum denn auch nicht? Es gab schließlich nichts zu verlieren. Aber hätte ich das vor einem Jahr schon so sagen können? Wohl nicht.
Die Gründe warum ich heute noch in Neuseeland bin sind nicht die selben warum ich Deutschland verlassen habe.
Weg wollte ich, weil ich Urlaub brauchte, Ruhe und Zeit zum Nachdenken, Sortieren und neu Anfangen. Um rauszufinden, was ich überhaupt mit dieser Welt machen möchte, die einem doch so offen steht. Schließlich hat man spätestens nachm Studium doch sämtliche Vorraussetzungen beisammen, um überall auf dieser Welt nicht in der Gosse landen zu müssen.
Aber nicht wieder gekehrt bin ich bisher, weil der Horizont plötzlich so viel größer als noch vor einem Jahr erscheint.
Ansich ist dieses Gefühl ja nichts ungewöhnliches, wenn man Reisen geht. Ich nehme mal an, dass mir jeder Traveller dies bestätigen kann. Wo sonst erlebt man täglich etwas neues und meist völlig unglaubliches?
Aber für einige Menschen ist dieser erweiterte Horizont eben so etwas wie eine Offenbarung, die einen inneren Drang nach Flexibilität und Sorgenlosigkeit befriedigt. Wenn der Drang danach morgens nicht zu wissen, was am Abend passieren wird oder was hinter der nächsten Ecke auf einen wartet größer ist, als Sorgen um Zukunft, Altersvorsorge und einem Leben in Reichtum und Luxus, dann kann man diese Aspekte wohl getrost unter dem Begriff “Freiheit” zusammenfasssen. Freiheit und Sicherheit stehen sich nunmal diametral gegenüber und irgendwo dazwischen muss jeder für sich seine Balance finden. Für mich liegt diese definitiv mehr auf der Freiheit, da ich finde dass man als freier Mensch automatisch auch sicher ist, wenn auch auf eine andere Art wie sich das jemand vorstellt, der sich mehr an bestehenden Werten festhält.
Es mag schwer zu vermitteln sein, aber nach ein paar Erlebnissen auf der Straße, egal ob gute oder schlechte, lernt man vorallem: “Es geht immer weiter”. Und ja! Das tut es. Sogar besser, als wenn man gefangen ist in vermeintlicher Sicherheit.
“Aber, aber”!, könnte man jetzt sagen. Große Worte für jemand, der sich in Neuseeland eine 9-to-5 Office-Job in einer der weltweit stärksten IT-Firmen geholt hat.
Stimmt, sind es. Aber habe ich vor für immer hier zu bleiben? Arbeite ich für diese Firma, weil ich mich in Neuseeland niederlassen möchte, heiraten, 2 Kinder machen und ein Haus kaufen will? Oder mache ich es doch eher schlichtweg, weil das Abenteuer für mich noch gar nicht vorbei ist? Vielleicht auch einfach nur, weil ich kann?
Letztendlich sind die Gründe unwichtig, solang man erkennt, dass man alles machen kann was man möchte und wo man möchte, wenn man nur die Eier hat es durchzuziehen.
Wenn nicht, ist das deine Sache, aber ich habe mein mein Büro lieber am Strand unter Palmen als in nem Hochhaus in Stuttgart.
Das letzte Jahr war für mich wie ein Beweiß über Annahmen, was man im Leben als wichtig erachten sollte. Oder was ich als wichtig erachte. Ein Leben nach dem Terminkalender, ein Leben in einer politisch, wirtschaftlich und juristisch komplexen Umgebung wie der Europäischen Union, ein Leben um der Arbeit und des Konsums willen, das einem nicht mehr Freiraum lässt, als es die neueste Überwachungsphantasie unseres verängstigsten Staatsapparates auf sich hat, gehört nicht gerade zu den Dingen, die das Lebens lebenswert machen.
Hier draussen sieht man auch wie es anders gehen kann. Selbst der schnöde 9-to-5 Job ist hier unten nicht mit Deutschland vergleichbar und wenns schon allein daran liegt, dass man auch wirklich nur 7,5 Stunden am Tag arbeitet. Und wenns mir hier mal nicht mehr gefällt, dann mache ich eben wieder was anderes. Segeln vielliecht. Wer weiß das schon. Machbar ist alles und Verpflichtungen habe ich ja keine. Also warum nicht.
Versteht mich net falsch. Ich will hier keine Faulheit propagieren, da ich davon nichts halte. Ich habe einfach nur das Gefühl, einer obskuren unsichtbaren Macht die von unserem Umfeld ausgeht das Heft aus der Hand gerissen zu haben, welches die Geschicke des eigenen Lebens steuert.
Und das gebe ich jetzt so schnell auch nicht mehr her, auch wenns eines Tages mal schief gehen sollte. Aber wie gesagt, “es geht immer weiter”.
365 Tage weg aus Deutschland. Bisher wars großartig. Nicht nur, weil es hier unten so schön ist, sondern auch weil ich immer noch von genug Leuten aus der Heimat Kontakt habe und mich das auch schon durch so manche Phase der Heimweh oder sonstige Zweifel gebracht hat. Danke schön dafür an alle, die sich jetzt angesprochen fühlen.
Na dann, mal sehen wie es weiter geht hier unten. Es wäre gelogen, wenn ich sagen würde, dass ich da nicht so ein paar Ideen hätte. Aber trotzdem stimmts immer noch: Ich komm ja wieder. Irgendwann…







